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Die Grosse Orgel der Hofkirche Luzern |
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Texte zur Geschichte der Hoforgel Luzern:
Von Victor Frund aus dem Festführer (1977) , von Wolfgang Sieber/Rudolf
Aebischer
und von Rudolf Bruhin aus Anlass der Erweiterung (2001). Wählen
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Viele Köche verderben den
Brei
aus dem Orgelführer Europa
© 2000 Bärenreiter Verlag |
| Sprichwörter urteilen mitunter hart: „Viele Köche
verderben den Brei“, heisst es beispielsweise, und wehe dem,
der dagegen verstösst. In Luzern hat man es gewagt: 18 Register
stammen aus dem 17., 35 Register aus dem 19. Jahrhundert, 28 Register
aus dem Jahre 1977 - die Kritik war entsprechend. In der Planungsphase
erreichte die Diskussion die Luzerner Lokalzeitungen. Das Gerüst,
das bereits für den Abbruch des Bestehenden aufgestellt war,
verstaubte während Monaten voller Zweifel. Dann fiel endgültig
der Beschluss zu dem, was man, um sich Mut zu machen, als „Synthese“
beschrieb. Drei Köche, will sagen: Orgelbauer waren akzeptiert,
es sollte ein Instrument entstehen, das Vergangenes und Gegenwärtiges
zur Einheit verbindet. Eine Universalorgel also, die ungeliebteste
aller Konzeptionen. Aber so viel sei vorweggenommen: Wenn es richtig
ist, dass es geglückte Restaurierungen ebenso gibt wie geglückte
Neuschöpfungen - es können auch Synthesen gelingen. In Luzern
lässt sich Barockes wie Romantisches und Modernes in Perfektion
darstellen. Wenn irgendwo das ominöse Sprichwort widerlegt oder
wenigstens eingeschränkt ist, dann an der Kuhn-Orgel in der Luzerner
Hofkirche (genauer, aber ungebräuchlich: St. Leodegar im Hof). |
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| Dabei begann die Entwicklung mit einem Paukenschlag. 1650 baute
Johann Geissler aus Salzburg eine Orgel, deren Prospekt weder ein
Vorbild hatte noch jemals Nachfolge fand. Genau in die Mitte stellte
er die fünf tiefsten und damit längsten Pfeifen des offenen
32'-Prinzipals - einen Zehn-Meter-Koloss (die mittlere Pfeife hat
einen Durchmesser von 57 cm), neben dem das flankierende Hauptwerk
förmlich verschwindet. Selbst die Pedaltürme zur Rechten
und Linken mit der Fortsetzung des Prinzipals wirken in dieser Umgebung
wie gestutzt, das Rückpositiv, dessen alte Gestalt wir allerdings
nicht kennen, wie ein Miniörgelchen. Selbst wenn man berücksichtigt,
dass die Barockmeister durchaus experimentierfreudig waren und kleinere
Pedalpfeifen auch einmal ins Zentrum setzten - diese Proportionen
haben etwas geradezu Provozierendes. Es hat dem Instrument übrigens
die Behandlung in einer kleinen Broschüre zum Thema „Die
Orgel und der Grössenwahn“ eingetragen, aber man kann
auch milder urteilen. Als die Kirche nach einem verheerenden Brand
1638 wieder aufgebaut war, sollte der Prospekt vielleicht als Triumph
über die Widrigkeiten des Schicksals wirken. Im Übrigen
erntete der Orgelbauer höchstes Lob und außer der Bezahlung
ungewöhnlich reiche Geschenke, darunter freilich wohl nicht
ohne Hintergedanken das „Hintersässenrecht“ einschliesslich
Wohnhaus für künftige Präsenz. Die 48 Register, verteilt
auf nur 2 Manuale (Hauptwerk und Rückpositiv) und Pedal, boten
ein kraftvolles Plenum und zahlreiche Solostimmen, darunter Flöten
aus Holz und Zinn. Vieles davon klingt auch heute noch.
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| Bald jedoch folgten Umbauten, u.a. nach Beschädigungen
durch ein in dieser Region eher ungewöhnliches Erdbeben. 1820
verschwand das Rückpositiv anlässlich einer Erweiterung
der Empore, dann diskutierte man einen Neubeginn, sogar mit Hilfe
einer Bittschrift offenbar renommierter und engagierter Gemeindemitglieder.
Zunächst war Walcker im Gespräch, einer der damaligen
Protagonisten in der Entwicklung der romantischen Orgel mit europäischem
Rang. Aber es wurde schliesslich einer von dessen Schülern
Friedrich Haas, der in der Schweiz bereits eine Reihe von Werken
erstellt hatte. Haas konzipierte 4 Manuale, darunter ein Schwellwerk
(III. Manual) und vor allem ein Fernwerk auf dem Boden (in der Schweiz
sagt man: Estrich) des Kirchendachs mit Schallaustritt aus der Deckenrosette
in der Mitte des Hauptschiffs. Die Abnahme im Jahre 1862, zu der
sogar Cavaillé Coll aus Paris kam, verlief euphorisch. Man
bescheinigte dem Erbauer ein vollkommenes Instrument und nicht zuletzt
dank des Fernwerks eine zukunftsweisende Konzeption verwirklicht
zu haben. Mit Pater Leopold Nägeli aus dem mittlerweile säkularisierten
Kloster St Urban als Stiftsorganist kam Zugkraft zustande, besonders
aufgrund der von ihm eingeführten Hoforgelkonzerte. Aber das
grosse und komplizierte Werk musste auch öfter repariert werden.
Friedrich Goll stellte 1899 auf Pneumatik um und tauschte Register
aus. Noch etwas später kam die Elektrifizierung mit einem neuen
Spieltisch. Auch diese Orgel blieb störanfällig, sodass
in den 70er-Jahren erneut überlegt werden musste. Es folgte
die bereits geschilderte Diskussion.
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| Sie drehte sich letztlich um drei auf der Hand liegende Alternativen:
Restaurierung der Geissler- bzw. der Haas-Orgel oder Neubau unter
Verwendung des Überkommenen. Da der Prospekt von Geissler nie
in Frage gestellt war und etliche Register des alten Meisters noch
zur Verfügung standen, hätte man also eine Barockorgel
anstreben können - unter Vernichtung des gesamten romantischen
Bestands. Aber die Rehabilitierung der Romantik war in den 70er-Jahren
viel zu weit fortgeschritten, um so radikal zu verfahren. Blieb
die Frage, ob man auf 1862 zurückgehen sollte. Nur gab es hierbei
den Verlust der gesamten Technik von Haas zu bedenken, ausserdem
wünschte man sich auch eine Erweiterung des Klangkörpers
in Richtung moderner Orgelmusik, sprich: Aliquoten und Zungen, schliesslich
nicht zuletzt eine Erweiterung des auch bei Haas noch knappen Tonumfangs
der Manuale und des Pedals. All dies führte letztlich zum Synthesegedanken,
dazu, die erhaltbaren Geissler'schen Register ebenso zu erhalten
wie den Haas'schen Fundus, sogar den Tribut an den romantischen
Zeitgeist: die Regenmaschine, bei der in einer Trommel Bleikugeln
umgewälzt werden und einen kräftigen Schauer erzeugen.
Dazu sollten Ergänzungen gefunden werden, die wieder eine „komplette“
Orgel entstehen liessen. Das Ende ist bekannt. Im reaktivierten
Rückpositiv befinden sich heute z.B. neue Zungen neben einem
Geissler'schen Prinzipal 4' und den barocken 1'-Registern Octave
und Scharf. Im Hauptwerk mischen sich die „Schichten“
am meisten, Oberwerk und Récit stammen überwiegend von
Haas und Kuhn, das Fernwerk enthält nur eine einzige neue Stimme,
das Pedal hat selbstverständlich seinen Geissler'schen 32'-Prinzipal,
der Rest geht teils auf Haas, teils auf Kuhn zurück. Für
2001 ist die Rückführung von drei durchschlagenden Zungen
von Haas geplant, die im Augenblick im Dach lagern. Man kann, wenn
man sich gut auskennt, noch heute annähernd authentisches 17.
wie 19. Jahrhundert zum Klingen bringen und man kann jedes Orgelwerk
der frühen und späten Moderne aufführen.
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| Damit sind wir beim Organisten, kein schlechtes Thema in Luzern.
Wenn einst Pater Leopold sein Publikum mit der Haas-Orgel begeisterte,
hat er heute in Wolfgang Sieber einen würdigen Nachfolger gefunden,
der das Instrument wieder wirkungsvoll zu präsentieren versteht.
Sieber kennt dabei keine Berührungsängste. In Konzerten
und mittlerweile auf CD kann man Bearbeitungen des Cake walk von
Joplin/Biggs oder Debussy finden, auch die Regenmaschine verrostet
nicht. In Orgel Plus-Darbietungen darf es auch einmal ein Alphorn
oder eine Jodlerin als Partner sein. Genauso aber bringt Sieber
„Klassisches“ zu Gehör: von Bach bis Reger. Im
Gottesdienst wird Gregorianik ebenso gepflegt wie Messen von Dvorák
oder Zoltan Kodály. Eine Ankündigung aber verdient zuletzt
besondere Aufmerksamkeit, weil sie zeigt, wie sehr man an die Zukunft
gedacht hat. Sie lautet: „Klangzauber mit 6000 Orgelpfeifen,
Schulkonzerte in Zusammenarbeit mit einer Schulklasse aus Adligenswil
und dem Didaktischen Zentrum Musik Luzern.“ Vielleicht werden
die Schüler eines Tages wieder neu anstehende Umbauten unterstützen.
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